Wettbewerbe, Wertungsspiele, Literatur und die C-Lehrgänge – bei der Klausurtagung des BDB-Musikbeirates standen die klassischen Kernthemen auf der Tagesordnung. Welche Weiterentwicklung diese erfahren und welche Idee es zum Neustart nach der Corona-Pandemie gibt, dazu steht Matthias Wolf, Vorsitzender des Musikbeirates im Interview Martina Faller Rede und Antwort.

 

bm: Wettbewerbe und Wertungsspiele sind gleichsam das Kerngeschäft des BDB-Musikbeirats. Schon vor Corona waren sie ein mühsames Geschäft: immer weniger Verbände richten welche aus und immer weniger Vereine nehmen daran teil. Welches Phänomen das andere bedingt, gleicht der Frage nach Henne und Ei. Wie erklären Sie sich die Wettbewerbsmüdigkeit?

Wolf: Ich glaube, die Problematik ist vielschichtig und schwer allgemein zu beantworten. Vielleicht wäre eine Erhebung bei unseren Vereinen ein gutes Mittel, um validere Aussagen treffen zu können. Wir haben im Musikbeirat schon oft darüber gesprochen und schon vor über 10 Jahren gemeinsam mit der Bläserjugend eine grundlegende Reform auf den Weg gebracht. Kern der Neuausrichtung war die deutliche Trennung von Wettbewerb und Wertungsspiel. Bei erstem geht es primär um das Messen mit anderen Orchestern und um ein Ranking, während das Wertungsspiel eine pädagogische Ausrichtung hat und dem Orchester bzw. Ensemble konkrete Rückmeldungen und Tipps für die weitere Entwicklung geben soll – modern gesprochen eine Coaching Funktion hat. So wurde z.B. das Rückmeldegespräch dadurch aufgewertet, dass es mit dem gesamten Orchester geführt wird, was bisher bei den Teilnehmenden sehr positiv aufgenommen wurde. Zurückblickend muss man leider ernüchternd feststellen, dass die Änderungen nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben. Wir lassen uns davon aber nicht entmutigen, sondern möchten die Gelegenheit nutzen und für einen Neustart nach Corona gezielt die bekannten Formate weiterdenken und neue Formate entwickeln. Wir sehen in der Rückmeldung von außen, wie sie unter anderem beim Wertungsspiel gegeben wird, weiterhin ein großes Potential zur Qualitätssicherung, zur Weiterentwicklung und damit verbunden langfristig auch zum Erhalt unserer Orchester und Ensembles.

bm: Die Corona-Pandemie hat die ganze Amateurmusik und folglich auch den Wettbewerbsbetrieb komplett lahmgelegt. Viele Vereine haben aktuell noch Mühe aus der Corona-Lethargie herauszufinden und verschwenden vermutlich noch keine Gedanken an Wettbewerbe und Wertungsspiele. Welche Ideen gibt es im Musikbeirat für einen erfolgreichen Neustart der Wertungsspiele?

Wolf: Uns ist sehr bewusst, dass derzeit viele Orchester mit großen Problemen zu kämpfen haben. Seit zwei Jahren sind unsere Aktivitäten größtenteils auf den Sommer reduziert, vor allem kleine Vereine sind an der Grenze der Spielfähigkeit, weil Musizierende momentan oder grundsätzlich nicht mehr dabei sind und die Motivation nach teilweise schon drei Anläufen für ein Konzert sich bei manchem Aktiven in Grenzen hält. Dazu kommen teils noch finanzielle Probleme, weil wichtige Veranstaltungen nicht durchführbar waren und sind. Damit die Lethargie jedoch durchbrochen werden kann, ist eine Zielsetzung für das Orchester meines Erachtens besonders wichtig. Diese kann auch die Teilnahme an einem Wertungsspiel sein. Damit wir den aktuellen Bedingungen gerecht werden und das Angebot möglichst niedrigschwellig wahrgenommen werden kann, haben wir eine Öffnung der vorzutragenden Stücke vorgesehen: Jedes Orchester erhält eine individuelle Rückmeldung zum Vortrag des komplett frei gewählten Programms – unabhängig von irgendwelchen Literaturlisten: gespielt werden darf, was gefällt. Zudem erarbeitet eine Arbeitsgruppe des Musikbeirats derzeit ein Konzept, bei dem die Wertung und Rückmeldung auch vor Ort, z.B. nach einem Konzert des Orchesters, erfolgt sowie weitere Coaching Formate – speziell für den Neustart nach Corona aber auch darüber hinaus. Die Konzeption werden wir am 23. Juli bei einer gemeinsamen Sitzung von Verbandsdirigent:innen und Juror:innen finalisieren. Ich bin guter Hoffnung, dass wir damit einen Schritt in die richtige Richtung machen.

bm: Auch die C-Lehrgänge wurden vom Pandemiegeschehen in Mitleidenschaft gezogen. Konnten sie noch zu einem befriedigenden Abschluss geführt werden?

Wolf: Ja, das kann man so sagen. Vor allem die Teilnehmenden haben einen langen Atem gebraucht, denn wir mussten bei den Lehrgängen flexibel auf die Situation reagieren und jeweils „auf Sicht“ planen. Vor allem die Praxisphasen sowie die praktischen Abschlussprüfungen im C3, bei denen mit Orchestern gearbeitet wird, haben die Verantwortlichen vor große Herausforderungen gestellt. Letztlich konnten wir an der Musikakademie Staufen trotz Pandemie zwei C3-Lehrgänge und ein C2-Lehrgang erfolgreich abschließen. Die Teilnehmenden waren sowohl in Theorie als auch in Praxis bestens auf die Prüfung vorbereitet, was sich in den insgesamt guten Ergebnissen widerspiegelt. Dank der Kreativität der Dozierendenteams beider Lehrgänge wurden alternative – größtenteils digitale – Lerneinheiten entwickelt, die auch künftig Bestandteil der Lehrgänge sein werden und die Präsenzphasen ergänzen. An dieser Stelle möchte ich nochmals herzlich allen Beteiligten für die Geduld, den zusätzlichen Aufwand und die Flexibilität danken. Nur dadurch konnten die Lehrgänge erfolgreich abgeschlossen werden.

bm: Ebenfalls zum Kerngeschäft des Musikbeirates zählt der Bereich Literatur. Welche Überlegungen gibt es im Musikbeirat, um die Repertoirekultur in den Vereinen zu entwickeln? 

Wolf: In diesem Bereich sind wir seit Jahren in engem Austausch mit anderen Mitgliedsverbänden der Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände (BDMV). Die Literaturkommission unseres Dachverbandes tagt mindestens jährlich, um neu erschienene Literatur zu sichten und zu klassifizieren. Der BDB wird offiziell durch Johannes Brenke vertreten, darüber hinaus bringt auch Jörg Murschinski (stellv. Verbandsdirigent im Blasmusikverband Hochrhein) als Komponist und Arrangeur aus dem BDB-Gebiet seine Fachkenntnisse in die Kommission ein. Bei den vergangenen Sitzungen wurden zwei neue Projekte erarbeitet: Um dem Repertoire unserer Orchester gerecht zu werden und die Wichtigkeit von Bearbeitungen parallel zu den Originalkompositionen deutlich zu machen, wird die Kategorie Bearbeitungen/Transkriptionen neu in die Literaturliste aufgenommen. Die Repertoirekultur in unseren Blasorchestern soll unter anderem dadurch gefördert werden, dass für Klassiker deutscher Blasorchesterliteratur zeitgemäße Instrumentationen in Auftrag gegeben werden. Derzeit wird von der Literaturkommission ein entsprechendes Konzept erarbeitet. Weitere Umsetzungsschritte sind im nächsten Jahr geplant.

bm: Neues Entwicklungspotential eröffnet auch der Neubau der BDB-Musikakademie. Welche Wünsche und Anforderungen stellt der Musikbeirat an das neue Gebäude und das künftige Kursprogramm?

Wolf: Bei der gemeinsamen Klausurtagung von Bläserjugend, Juror:innen und Musikbeirat im vergangenen Januar haben wir uns intensiv mit den erweiterten Möglichkeiten in der neuen Akademie beschäftigt. Das bisherige Kursprogramm bietet bereits hervorragende Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung für unterschiedlichste Zielgruppen. Die neuen und zusätzlichen räumlichen Kapazitäten sollen unter anderem für ein großes jährliches Dirigent:innen-Festival genutzt werden. Wir haben festgestellt, dass wir im Bereich der Ausbildung von Dirigentinnen und Dirigenten schon sehr breit und gut aufgestellt sind, jedoch der Bereich Fortbildung und Vernetzung noch gestärkt werden kann. Mit dem Festival werden beide Aspekte miteinander verbunden. Darüber hinaus soll die jährliche Fortbildung für alle Jurorinnen und Juroren im BDB, welche wir zwar in den vergangenen fünf Jahren regelmäßig, aufgrund der mangelnden Kapazitäten jedoch an wechselnden Terminen durchgeführt haben, fester Bestandteil des künftigen Kursprogramms sein. Dies vereinfacht auch die Öffnung der Fortbildung für Kolleg:innen aus den Nachbarverbänden sowie themenspezifisch auch für interessierte Dirigent:innen und Musiker:innen.

Info: Matthias Wolf ist als stellvertretender Schulleiter am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium in Germersheim u.a. für die Leitung des musikalischen Schwerpunkts zuständig. Neben dem Sinfonieorchester des Gymnasiums und dem Blasorchester des MV „Harmonie“ hördt dirigiert er das VBO Germersheim – ein Projektorchester, das er als Verbandsdirigent ins Leben gerufen hat. Darüber hinaus ist er Bundesmusikdirektor des BDB und regelmäßig als Dozent bzw. Lehrgangsleiter an der BDB-Musikakademie Staufen sowie als Juror bei Wertungsspielen und Wettbewerben tätig. Im Januar 2022 wurde er zum Präsident des Kreismusikverbandes Germersheim gewählt.