Mit Karl Kaiser und Henrik Wiese kommen zwei herausragende Flötisten zum querwind Flötenfestival nach Staufen. Der eine hat sich der Alten Musik verschrieben, eine Bilderbuchkarriere hingelegt und lässt es nun ein wenig langsamer angehen, während der andere noch am Anfang seiner Hochschullaufbahn steht. Was die beiden eint? Die Liebe zu ihrem Instrument und die Leidenschaft für die Musik. Und bei beiden gilt: Vorsicht – Ansteckungsgefahr!

 

Die Karriere von Karl Kaiser liest sich wie der Traum jedes Flötisten: 28 Jahre lang war er Soloflötist beim Freiburger Barockorchester, 35 Jahre lang bei der Camerata Köln, war Professor an zwei Musikhochschulen, hat Bücher geschrieben und war auf Konzerttourneen in der ganzen Welt unterwegs.

Jetzt geht er es zwar ein bisschen langsamer an. Meisterkurse aber gibt er weiterhin – und auf

die inspirierende Erfahrung des Ensemblemusizierens möchte er schon gar nicht verzichten. Dabei war die Karriere als Musiker alles andere als geplant. „Ich hatte zwar drei Instrumente gelernt, wollte aber im Studium andere Interessen verfolgen. Doch dann habe ich gemerkt, dass die Musik mir fehlte,“ erzählt Kaiser. An den Nagel hängte er seine Studienfächer Theologie und Philosophie dennoch nicht. Die Musik kam einfach dazu, sowohl als wissenschaftliches als auch als praktisches Fach. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut. „Das Leben als Musiker ist einfach toll, es ist eine ganz eigene Lebensweise. Jeden Tag zu üben ist wie eine Art Meditation.“ Die Freude am Musizieren merkt man Karl Kaiser sofort an. Wenn er beginnt, von der Flöte und der Barockmusik zu erzählen, gerät er ins Schwärmen von den besonderen Klangfärbungen der verschiedenen Flöten, den französischen und deutschen Komponisten und davon, wie stark der Klang ein Werk beeinflussen kann. Seine Vorliebe für die Barockmusik kommt nicht von Ungefähr, genauso wenig wie die Spezialisierung auf die barocke Traversflöten und die romantische Klappenflöte. „Das 18. Jahrhundert war einfach das Jahrhundert der Flöte. Natürlich gab es auch später noch Flötenmusik, aber aus dieser Zeit gibt es einfach die vielfältigsten Werke.“ Seit Kaiser damit begonnen hat, sich mit der Musik der Barockzeit zu beschäftigen, hat sich die Spielweise indes sehr verändert. Lange waren barocke Werke genau wie Schumann oder Brahms gespielt worden. „Da stimmte hinten und vorne überhaupt nichts! Die Artikulation und die Tempi waren falsch, von der Verzierung hatte man keine Ahnung, und improvisieren konnte man sowieso nicht, die Besetzung und die Instrumente passten nicht – das ganze Paket war falsch.“ Danach stand die ‚Authentizität‘ im Vordergrund. „Es sollte so klingen, wie es vermutlich bei Bach oder Hotteterre geklungen hat“, erinnert sich Kaiser. „Im Moment sind wir noch einen Schritt weiter“, fasst Kaiser zusammen: „Heute wissen wir sehr viel über die barocke Musik. Jetzt geht es weniger um die exakte Wiedergabe und mehr darum, in der Kenntnis der Fakten einen subjektiven Weg zu finden – was ich persönlich sehr viel besser finde.“ Diese Entwicklung hat Kaiser nicht nur selbst miterlebt, sondern auch mitgeprägt. Mit verschiedenen Ensembles, unter anderem auch dem Freiburger Barockorchester, hat er über Jahrzehnte hinweg auf der ganzen Welt Konzerte gegeben. „Das war eine unglaubliche Erfahrung“, erinnert er sich. Zudem hat Kaiser an über 100 CD-Produktionen mitgewirkt, wie er selbst erzählt. „Eine genaue Zahl weiß ich nicht – es sind einfach zu viele“, lacht er nicht ohne Stolz. „Wir haben sehr viel geleistet, wie internationale Botschafter der Barockmusik.“ Auch in seiner Rolle als Professor an den Musikhochschulen in Freiburg und Frankfurt und als Leiter von Meisterkursen und Workshops fördert er die Barockmusik, wo er kann. Für Letzteres hat Kaiser nun auch mehr Zeit. Denn die Soloflötistenstelle im Freiburger Barockorchester hat er nach 28 Jahren an eine ehemalige Studentin weitergegeben und auch an den Hochschulen zieht er sich immer mehr zurück. „Die Musikszene braucht diese Erfrischung, da ist es ganz wichtig die Jüngeren ranzulassen,“ ist er überzeugt.  Mit der Musik wird er aber niemals aufhören. „Das ist einfach mein Leben.“

Während sich Karl Kaiser aus dem Hochschulbetrieb zurückzieht, startet ein anderer gerade so richtig durch. Nach zwei Jahren als Professor für Flöte an der Musikhochschule Bremen, wurde Henrik Wiese  2020 zum Ordinarius an der Musikhochschule Nürnberg berufen. Dennoch verbindet Karl Kaiser und Henrik Wiese mehr als vermutet. Beide verfolgen neben dem Musizieren auch wissenschaftliche Interessen. So hat der studierte Musikwissenschaftler Karl Kaiser ein viel beachtetes Werk über die Barockmusik sowie ein Buch über die „Principes de la flûte“ von Jacques Hotteterre herausgegeben. Und auch Henrik Wiese, der neben dem Musikstudium ein Studium der Indogermanistik, Allgemeinen Sprachwissenschaft und Musikwissenschaft in München absolvierte, unterstreicht sein wissenschaftliches Interesse mit einer umfangreichen herausgeberischen Tätigkeit für namhafte Verlage und der Publikation einer langen Reihe musikwissenschaftlicher Aufsätze und Editionen. Wie bei Karl Kaiser ist auch bei ihm die Leidenschaft für die Musik sein Antrieb. „Für mich ist es wie ein Rausch, mich mit Musik beschäftigen zu dürfen und anderen damit eine Freude zu bereiten“, betont Wiese. Musik als Rausch – das ist bei Wiese wörtlich zu nehmen. Musik ist für ihn nämlich ein Farbenrausch. Denn Henrik Wiese ist Synästhetiker. Er hört Töne nicht nur, er sieht sie auch als Farben vor dem inneren Auge. Diese seltene Gabe der Natur ist für ihn eine wichtige Inspirationsquelle seiner künstlerischen Tätigkeit. Bei manchen Komponisten, wie etwa bei W.A. Mozart, taucht er regelrecht in eine kunterbunte Welt ein. „Bei Mozart habe ich das Gefühl, er konnte selbst Farben hören. Die Art, wie er die Tonarten wählt, alles wird so bunt.“ Zu seinem Instrument ist Henrik Wiese eher zufällig gekommen und „irgendwie hängen geblieben“. Spricht der renommierte Flötist, der schon seit gut 15 Jahren als Solist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks tätig ist, über sein Instrument, wird eines klar: Henrik Wiese hat sich nicht Hals über Kopf in die Flöte verliebt. Die beiden verbindet keine rauschende Affäre, sondern eher eine solide Beziehung. Trotzdem ist Wiese glücklich mit seiner Wahl. „Als Oboist hat man Probleme mit den Rohren, die Flöte dagegen ist schon sehr praktisch.“ Da spricht Henrik Wiese, der Pragmatiker. Sein jetziges Instrument nutzt er seit 1998 und kennt es in- und auswendig. „Ich weiß, was an mir und was am Instrument liegt. Wir sind einfach gute Partner.“ Auch seinen Werdegang, der dem typische Werdegang eines zukünftigen Profimusikers entspricht, kommentiert er lapidar. „Ich bin da irgendwie so reingerutscht“: Erfolge bei Jugend musiziert, Jungstudent an der Hamburger Musikhochschule, Studium, erste Anstellung im Orchester. Er wird mehrfach ausgezeichnet, unter anderem beim Deutschen Musikwettbewerb 1995, in Markneukirchen im Jahr 1998 oder beim angesehenen ARD-Wettbewerb in München. Mit nur 24 Jahren tritt er dort eine Stelle als Soloflötist im Orchester der Bayerischen Staatsoper unter Zubin Mehta an. Nach elf Jahren wechselt er 2006 in das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, ebenfalls als Soloflötist. Dort ist er bis heute geblieben. „Ich liebe den Beruf des Orchestermusikers“, betont er. „Alle denken, der Dirigent hat die zentralste Position. Aber als Soloflötist sitze auch ich sehr zentriert, umgeben von allen Instrumenten ‒ Blech und Schlagzeuger hinter mir. Da erlebe ich die Fülle der Klänge und Farben besonders stark“, erklärt er. Viel Energie und Inspiration gibt ihm auch die Beschäftigung mit der historischen Aufführungspraxis und das Musizieren mit der Traversflöte in seinem Ensemble „Accademia giocosa“. Musik ist für ihn nie losgelöst vom historischen Kontext, sondern immer Teil einer Zeit, einer Gesellschaft, einer bestimmten Epoche. „Ich selbst fand es unglaublich spannend, Mozarts Briefe zu lesen, die oft sehr humorvoll sind. Das war für mich eine große Inspirationsquelle für meine Interpretation von Mozarts Musik.“ Das tiefe Eintauchen in die Welt und das Werk des Komponisten – das zeichnet Wiese aus in seinem künstlerischen Schaffen genauso wie in seinem pädagogischen Wirken. Auch in dieser Hinsicht ist Karl Kaiser für ihn ein Bruder im Geiste. Monika Müller/ Annabell Thiel / Martina Faller

Info: Erleben Sie Karl Kaiser und Henrik Wiese sowie weitere weltweit führende Flötisten, Künstler und Pädagogen beim Flötenfestival querwind vom 26. bis 29. Mai 2022 in der BDB-Musikakademie Staufen.

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