„Es ist nie zu spät, ein Instrument zu lernen.“ Diese Botschaft ist angekommen in der Mitte der Gesellschaft. In Senioren- und Gesundheitsratgebern werden die positiven Effekte des Musizierens auf Körper und Geist gepriesen und immer mehr Späteinsteigende landen auf der Suche nach einer sinnstiftenden Freizeitbeschäftigung tatsächlich beim Instrument. Mit music4beginners hat der BDB 2022 dazu das passende Programm etabliert. Es bietet Interessierten den perfekten Einstieg in die Welt der Musik. Dank einer Landesförderung wird music4beginners bis Ende Juni 2023 verlängert.

Doris Helms hat schon als Kind mit dem Schlagzeug geliebäugelt. Weil sie aber in einer Mietwohnung aufwuchs, war das nie ein Thema. Stattdessen hat sie Klavier gelernt. Angestoßen von einem Artikel in der regionalen Tageszeitung hat sich Doris Helms jetzt mit Mitte 50 wieder an den Kindheitstraum erinnert. Doris Helms beließ es aber nicht bei der wehmütigen Erinnerung unter dem Motto „Stimmt, da war doch mal was“, sie wurde aktiv. „Wenn ich erst einmal entflammt bin, dann gibt es kein Halten mehr“, erzählt sie am Telefon. Ein gebrauchtes Schlagzeug wurde angeschafft und dafür Platz im Arbeitszimmer geschaffen. Ihr Mann, aktives Mitglied der Bergmannskapelle Buggingen und Leser der blasmusik, machte sie auf das Programm music4beginners (m4b) aufmerksam. „Das  klingt super, das ist doch genau meins“, war ihre Reaktion. Letzteres sollte sich bewahrheiten. Sie meldete sich an und absolvierte bei Arno Pfunder zwei Termine. „Den Kurs fand ich richtig toll. Arno hat einen guten Blick für seine Schüler.“ Parallel hat Doris Helms schon nach einer Schlagzeuglehrkraft gesucht und angefangen, Unterricht zu nehmen. Seit Januar hat sie nun regelmäßig bei Arno Pfunder Unterricht und ist, laut eigener Aussage, so richtig motiviert. „Ich bin ein ehrgeiziger Mensch und will schnell Erfolg haben“, bekennt sie. Vier bis fünf Mal pro Woche übt sie rund 45 Minuten. „Am Anfang war es ungewohnt, mit allen vier Extremitäten gleichzeitig aktiv zu sein“, berichtet sie. Dass sie durch das Klavier schon die Unabhängigkeit der Hände mitbringt, hat geholfen. „Die Füße sind inzwischen auch schon williger“, schmunzelt sie. Und auch ihr Traum, in einer Combo mitzuspielen, realisiert sich für sie schneller als gedacht. Dank der Vermittlung ihrer m4b-Beraterin Claudia Isenmann kann sie im April in die Erwachsenen-Combo des Musikvereins Schlatt einsteigen.  Reingeschnuppert hat sie in Schlatt bereits. „Das ist eine nette Truppe, ich bin da warmherzig aufgenommen worden und habe schon Noten mit nach Hause bekommen.“ Blasmusik sei zwar nicht unbedingt ihr Ding, sie interessiere sich mehr für Jazz, Rock und Funk. „Die Stilistik ist aber im Moment zweitrangig. Das Wichtigste ist doch, in einer Gruppe zu spielen, denn nur dort lernt man, sich aufeinander abzustimmen und aufeinander zu hören“, findet sie und ist sich sicher: „Das wird richtig gut.“ Doris Helms ist ein Paradebeispiel, dass die Intention des Programms aufgeht: music4beginners bringt die Menschen tatsächlich ans Instrument und in die Ensembles und hat das Potenzial, die Nachwuchsarbeit der Musikvereine zu stärken. Denn für Menschen, die wie Doris Helms schon immer davon träumten, ein Instrument zu lernen, kann music4beginners der letzte entscheidende Impuls sein. Das bewusst niedrigschwellig angelegte Kursprogramm ermöglicht es Musikinteressierten im Online-Unterricht bequem von zu Hause aus und ohne Angst vor falschen Tönen erste Schritte auf dem Wunschinstrument zu unternehmen. Unter der Anleitung erfahrener Instrumentallehrkräfte lernen sie in drei Schritten das Instrument kennen, erfahren  Grundlegendes zu Ansatz und Atmung, lernen Griffe und Töne zu produzieren bis hin zu ersten Melodien. Im Downloadbereich stehen den Teilnehmer:innen Noten- und Unterrichtsmaterial zum Üben zur Verfügung. Ein Einstieg ist jederzeit möglich und jeder Schritt kann wiederholt werden, bis die Teilnehmenden genügend Sicherheit haben, um den nächsten Lerninhalt anzugehen. Berater:innen begleiten die Teilnehmenden von der Wahl und Beschaffung des  Wunschinstrumentes an und vermitteln über ihr Netzwerk auf Wunsch Kontakte zu Lehrkräften, aber vor allem zu Musikvereinen und Ensembles vor Ort. Anfang 2022 war dieser Ablauf noch Theorie. Im Laufe des Jahres aber stieg die Anzahl der Teilnehmenden und deren Feedback in einer Teilnehmerumfrage bestätigte, dass Doris Helms kein Einzelfall ist. Werfen wir aber zunächst einen Blick auf die statistischen Ergebnisse der Umfrage. Erreicht music4beginners überhaupt die anvisierte Zielgruppe der erwachsenen Neueinsteiger? Diese Frage lässt sich mithilfe der Umfrage eindeutig mit „Ja“ beantworten. Gehören doch von den Teilnehmenden jeweils rund 35 % den Altersgruppen der 50–59-Jährigen und den 40–49-Jährigen an. Knapp 12 % der Teilnehmenden sind zudem zwischen 60 und 69 Jahre alt. Frauen sind mit 65 % deutlich stärker vertreten als Männer. Über 82 % der Teilnehmenden ordnen sich in der Gruppe der Anfänger ein.

Angesteckt mit dem „Virus“ Musik

Unabhängig von Alter und Geschlecht bewertet die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden music4beginners sehr positiv. Das spricht aus der Teilnehmerumfrage genauso wie aus einzelnen Rückmeldungen, die Siegfried Rappenecker oder die Berater:innen in den Mitgliedsverbänden persönlich erreichten. Für Jürgen Zeilfelder etwa, war music4beginners „ein tolles Angebot“. Früher hat er Trompete gespielt, für seinen Wiedereinstieg in die Musik hat er sich nun jedoch die Tuba ausgesucht. „Für jemanden, der sich – warum auch immer – schwer tut, direkt einen Blasmusikverein, eine Musikschule oder einen Musiklehrer anzusprechen, ist music4beginners ein tolles Angebot“, lautet sein Fazit. Zeilfelder hat an drei Tuba-Terminen bei Christian Schick teilgenommen. Sowohl mit dem Lehrer als auch mit dessen Vorgehensweise war Zeilfelder zufrieden. „Das Lernangebot war meiner Meinung nach gut strukturiert in Instrumentenkunde, Ansatz und Haltung, erste Töne/Stücke …“ Er hätte sich allerdings eine bessere Kommunikationsmöglichkeit und direkte Rückmeldung des Lehrers zum eigenen Spiel gewünscht. Bereits nach dem zweiten music4beginners-Termin hat sich Zeilfelder auf die Suche nach einem Instrumentallehrer für Tuba gemacht. „Als ich den Musiklehrer gefunden habe, habe ich die Termine bei music4beginners nicht mehr besucht. Ich bin weiter am Tubaspiel lernen. Vielen Dank für das Einstiegsangebot, das zudem kostenlos war.“ Ein anderer Teilnehmer des Tuba-Kurses schließt sich Jürgen Zeilfelders Fazit an und urteilt in der Umfrage über music4beginners: „Für den Anfang, um rauszufinden, ob die Blasmusik überhaupt infrage kommt – sehr gut.“ Ein Teilnehmer des m4b-Posaunen-Kurses bedankt sich bei seinem Dozenten Bernhard Vanecek ausdrücklich mit den Worten: „Danke Bernhard … vor allem für die Ansteckung mit dem „Virus“ Musik! :-).“

Mit Potenzial für die Nachwuchsarbeit der Vereine

Dem Organisationsteam um Siegfried Rappenecker macht dieses Feedback Mut. „Wir haben im ersten Jahr music4beginners die Erfahrung gemacht, dass das Konzept aufgeht und die Abläufe funktionieren“, sagt Projektleiter Siegfried Rappenecker. „Es ist schön zu sehen, dass es music4beginners tatsächlich schafft, die Menschen ans Instrument zu bringen.“ Die Verlängerung der Projektförderung wollen die Organisatoren rund um Projektleiter Siegfried Rappenecker nutzen, um noch mehr Menschen zu erreichen und noch mehr Menschen einen Einstieg in die Musik zu ermöglichen. Dazu wurde die Webseite aktualisiert, die Abläufe optimiert und die Werbung intensiviert. Angetrieben werden die Organisatoren dabei von der Hoffnung, dass auch die Vereine das Potenzial von music4beginners erkennen. „music4beginners bietet ja nicht nur dem Einzelnen die Möglichkeit, einen Einstieg in die Musik zu finden und sich den Traum vom Musizieren zu realisieren“, weiß Siegfried Rappenecker. „Auch für Musikvereine birgt das Programm viel Potenzial, um erwachsene Neueinsteigende gezielt für ihren Verein zu gewinnen.“ Dass erwachsene Neu- und Wiedereinsteigende für Musikvereine eine Zielgruppe mit viel Potenzial für die Nachwuchsarbeit sind – diese Erkenntnis setzt sich bei immer mehr Vereinen durch und spiegelt sich in einer wachsenden Zahl von Erwachsenenbläserklassen und Erwachsenen-Combos wider. Und es gibt offenbar auch immer mehr Menschen aus der Gruppe der sogenannten Mid oder Best Ager, die auf der Suche nach einer sinnstiftenden Freizeitbeschäftigung beim Instrument landen, auch weil sie überzeugt sind von den positiven Einflüssen des Musizierens auf Gesundheit und Lebensqualität. Wissenschaftliche Untersuchungen haben in den vergangenen Jahren die gesundheits- und bildungsfördernden Aspekte des Musizierens wiederholt bestätigt. Und mittlerweile ist die Erkenntnis, dass das Erlernen eines Instruments für Menschen höheren Alters nicht nur möglich, sondern von größtem Vorteil für ihre psychische und körperliche Gesundheit ist, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Gerade in der bildungsbewussten Bevölkerungsgruppe gilt das Musizieren als Möglichkeit, sich fortzubilden und sich geistig und körperlich fit zu halten. Auch die soziale Komponente des gemeinsamen Musizierens als Tor zu einer Gemeinschaft spielt in diesen Überlegungen eine Rolle. Der Musikgeragoge Prof. Dr. Hans Hermann Wickel sagt dazu im Interview in der September 2022 -Ausgabe der Apotheken-Umschau: „Der soziale Aspekt des gemeinsamen Musizierens ist enorm wichtig. Mitwirken in einem Ensemble, ein wichtiger Teil einer Gruppe sein, das stärkt das Selbstwirksamkeitsgefühl. Gerontologen sagen auch, dass Wichtigste für erfolgreiches Altern ist, unter Menschen zu sein und ein Netzwerk zu haben.“ Musikvereine können all das bieten: instrumentale Ausbildung, gemeinsames Musizieren in der Gruppe und eine starke, generationsübergreifende soziale Gemeinschaft. music4beginners kann dafür gleichsam die Einflugschneise sein und helfen, die Zielgruppe der Best und Mid Ager anzusprechen.

Erwachsene Späteinsteigende befruchten Musikvereine doppelt

Denn dass Menschen im fortgeschrittenen Erwachsenenalter eine andere Ansprache benötigen als Kinder, versteht sich von selbst. Während es für Kinder und Jugendliche selbstverständlich ist, Neues zu lernen und sich auf Neues einzulassen, stehen bei Erwachsenen dem Wunsch, ein Instrument zu lernen, oft eine gewisse Scheu und Zweifel gegenüber. Kann ich das in meinem Alter noch? Kriege ich das neben Familie und Beruf hin? Online-Kurse, zumal kostenlose wie music4beginners, kommen den besonderen Lebensumständen von erwachsenen Musikschüler:innen entgegen und erleichtern wesentlich den Einstieg ins Programm. Denn wer zu Hause im geschützten Rahmen erst einmal die Erfahrung gemacht hat, dass es gelingt, Töne zu produzieren und dass es gar nicht so schwer ist, Noten lesen zu lernen, der macht viel eher den nächsten Schritt hin zur Instrumentallehrkraft oder einem Ensemble in der Nähe. Und die Erfahrung aus zahlreichen Erwachsenenbläserklassen zeigt: Haben Erwachsene sich erst entschieden, im fortgeschrittenen Alter noch ein Instrument zu lernen, dann bringen sie eine hohe intrinsische Motivation mit. Dadurch fällt nicht nur das Üben leicht. Die hohe Motivation sorgt vielmehr für einen guten Probenbesuch in den Ensembles und auch dafür, dass die Späteinsteigenden bereit sind, sich zusätzlich im organisatorischen Bereich zu engagieren und Verantwortung im Vorstand übernehmen. Insofern befruchten erwachsene Späteinsteigende Musikvereine gleich doppelt: im Orchester und in der Vorstandsarbeit. Grund genug für Musikvereine, music4beginners als Einflugschneise für erwachsene Späteinsteigende zu nutzen. Bis Ende Juni 2023 haben sie vorläufig noch die Gelegenheit dazu. Nutzen Sie sie und starten Sie durch mit music4beginners.

Martina Faller