Der Büchel  – der kleine Stiefbruder des Alphorns – befindet sich aktuell zwischen Aussterben und Revival. Familie Imlig versucht nicht nur Ersteres zu verhindern, sondern macht beste Werbung für den Schweizer Exoten. Aber was macht den Büchel so besonders, und warum ist er heute so viel weniger bekannt als das Alphorn? Eine Spurensuche unter Anleitung von Monika Müller.

Ein Mensch in traditioneller schweizerischer Tracht steht auf einer grünen Wiese. Vor ihm öffnet sich das Tal, hinter ihm sieht man auf den Bergen den Schnee glitzern. Man hört keine Autos, nur die Geräusche der Natur. Der Mensch atmet tief ein und lässt aus einem traditionellen hölzernen Musikinstrument einen Ton von den Bergen widerhallen. Wäre dies eine Szene auf einer Postkarte, wüsste jeder sofort, welches Instrument gemeint ist. Schon im Kindercomic „Asterix und Obelix“ wird mit einem Augenzwinkern das Alphorn als das Instrument beschrieben, das Obelix verjagt. Doch ist das Alphorn nur der bekannteste Vertreter der Alpeninstrumente. Es gibt noch wesentlich mehr, so eben auch den Büchel. „Vom Klang, den Naturtönen und der Tonlage her ließe sich der Büchel noch am ehesten mit dem Waldhorn vergleichen“, beschreibt Armin Imlig. Der hauptberufliche Naturheilpraktiker hat die Faszination für Alpeninstrumente von seinem Vater geerbt, auch zwei seiner drei Söhne und seine Frau spielen selbst Alphorn und Büchel. Ein Büchel ist, wie ein Alphorn auch, aus Holz geschnitzt und wird meist mit einem Mundstück von 18 bis 19 mm Durchmesser gespielt. Von der Rohrlänge her ist es insgesamt etwas kürzer als das Alphorn, zusätzlich aber auch noch mit zwei Windungen versehen, sodass man es einfacher transportieren kann. „Ein Alphorn ist heute etwa 3,40 m lang“, erklärt Imlig. „Büchel waren früher zwischen 1,80 m und 2,40 m lang, heute sind sie meistens eher 2,80 m lang.“ Die unterschiedlichen Längen der Hörner erklären sich aus der Grundstimmung: Da Büchel Naturhörner sind, entscheiden sich die Grundtöne nach der Länge des Rohres, durch das die Luft fließt. Dass die Büchel immer länger geworden sind, hat damit zu tun, dass dann der Grundton etwas tiefer wird, und es gilt, wie Imlig sagt: „Je länger das Rohr, desto mehr spielbare Töne.“ Denn je kürzer das Rohr wird, desto höher wird der Grundton, und desto weniger Naturtöne gibt es pro Oktave, die das Instrument produzieren kann. Außerdem wird es mit einem kürzeren Instrument deutlich schwieriger, die notwendige Lippenspannung zu halten, die für die höheren Töne nötig sind. Jeder und jede, der oder die ein Blechblasinstrument spielt, kann davon ein Lied singen oder besser: spielen. Es gibt noch weitere Aspekte, die das Büchelspiel wesentlich schwerer machen, als man auf den ersten Ton erahnen kann. Beispielsweise die Stimmung des Instruments, denn dadurch, dass es ein Naturhorn ist, weicht die Stimmung von der temperierten Stimmung ab, die wir in der westeuropäischen Musik seit Bachs ‚Wohltemperiertem Klavier‘ kennen. Dadurch ist beispielsweise das E direkt zwischen dem C und dem G und weicht von der Musikern bekannten Stimmung ab, genau wie das sogenannte ‚Alphorn-Fa‘. „Gerade Berufsmusiker können das Alphorn-Fa kaum spielen“, verrät Imlig. „Sie möchten es meistens zuordnen und fragen sich: Wo gehört es hin? Zum Fis oder zum F? Beides ist ja nicht richtig. Das ist sehr schwer.“ Für ihn selbst war es recht einfach zu erlernen, da er durch seinen Vater Paul Imlig schon immer mehr die nicht-temperierte Stimmung auf den traditionellen Instrumenten gehört hatte. „Als ich mir mit 20 Jahren zum ersten Mal ein Keyboard gekauft habe, fand ich die Töne wirklich seltsam“, erinnert er sich. „Die temperierte Stimmung war ich gar nicht gewohnt.“ Umgekehrt habe er auch mal eine Büchel-CD aufgenommen und einem befreundeten Chorleiter aus Luzern gezeigt. „Dem haben sich die Nackenhaare gesträubt“, lacht Imlig. Aber nicht nur an der Intonation kann ein geübter Büchel-Experte erkennen, ob er einen Musiker vor sich hat, der beispielsweise von der Trompete oder der Posaune kommt. Auch der Ansatz und der Anstoß des Tones ist ein wesentlicher Aspekt. „Man darf möglichst wenig harte Zunge verwenden. Eigentlich muss man nicht ‚tü‘ spielen, sondern eher ‚dü’“, versucht es Imlig zu umschreiben. „Es genau zu erklären, ist schwer.“ Das liege daran, dass das Büchelspiel keine eindeutige Anleitung besitzt. Viele Musiker haben ihre eigene Technik entwickelt. „Manche benutzen die Zunge auch gar nicht und spielen eher ‚hü‘“, erklärt Imlig. „Sie stoßen den Ton nicht an, sondern hauchen ihn an. Dafür brauchen sie das Zwerchfell besonders stark, was sehr anspruchsvoll ist. Das können aber nicht viele – ich auch nicht durchgehend.“ Die dritte große Schwierigkeit ist die Notation der Büchelmusik, denn sie ist ähnlich wie das Jodeln. Imlig erzählt: „Es gibt im alten Bezirk Schwyz, an der Rigi, um die Mythen und im Muotathal, wo der Büchel weit verbreitet ist, sogar einen eigenen Jodelstil, der dem Büchelstil stark ähnlich ist.“ Somit sind viele Stücke mündlich oder durchs Hören und eigene Interpretationen überliefert, wodurch ein Stück nicht nur in vielen verschiedenen Varianten existiert, sondern auch für Nicht-Schweizer und Zugezogene schwer zu interpretieren ist, denn man muss sich in die Situation  hineinversetzen, in denen ein Büchelstück gespielt wird. „Man stelle sich einmal vor“, beschreibt es Imlig, „man ist draußen, auf der Alp, vor 100 Jahren, wo noch kaum ein Auto zu hören ist, mitten in der Natur und spielt eine Melodie. Dann wartet man, bis sie vom Berg zurückgeworfen wird. Und dann erst spielt man weiter. Man will ja den Naturton in der Natur erleben, und das ist praktisch nicht notierbar.“ Man müsse die Melodien auch in Phrasen interpretieren, daher könne man nie wie bei der Blasmusik einfach durchspielen. Außerdem gibt es für ein Stück viele verschiedene Notationen, da jeder die Pausen und Längen einzelner Töne anders setzt oder auch Verzierungen einbaut. Imlig selbst hat auch schon einige Büchellieder notiert und komponiert auch Musik für Büchel. „Das Wichtigste ist, dass man erkennt, welche Töne lang und welche eher kurz zu spielen sind, je nach Betonung oder Entlastung erscheint es für den Zuhörer wie ein Wechsel der Taktart. Der Großteil des Spielens aber liegt in der Interpretation des Musikers. Vielleicht spiele ich einen Ton heute besonders betont, morgen aber ganz anders – wer weiß?“ Doch so verwurzelt der Büchel in der Schweiz auch ist, so unbekannt ist er doch im Vergleich zum großen Bruder Alphorn. Im Moment, so sagt auch Balthasar Streiff, ein weiterer Komponist und Experte für Naturhörner, befindet sich der Büchel in einem Schwebezustand „zwischen Aussterben und Revival“. Während das Alphorn internationale Bekanntheit erreicht hat, ist der Büchel hauptsächlich kantonsintern bekannt, was laut Imlig auch daran liegt, dass die Kantone musikalisch recht eigenständig seien. Yannick Wey, der sich auch wissenschaftlich mit dem Büchel auseinandergesetzt hat, schildert die Problematik auch darin, dass die Büchelmusik wesentlich wilder und ungezähmter sei als die Alphornmusik. So sei die Musik nicht so eingängig für das ungeübte Ohr. Mittlerweile gibt es aber viele Workshops, in denen sich auch Musiker von temperierten Instrumenten am Büchel und Alphorn versuchen, so wie beim Alphorn-Festival klangAlp, das am 9. Juli 2022 in Neuenburg am Rhein stattfindet. Hier ist auch Ramon Imlig, der Sohn von Armin Imlig, als Dozent dabei. Zwar ist Armin Imlig der Meinung, dass man es als Spieler:in eines nicht-temperiert gestimmten Instruments leichter hat, Alphorn und verwandte Instrumente zu lernen, doch sagt er auch: „Wenn man versteht, wie es funktioniert und in der Lage ist, sich vom gewohnten Notenschema zu lösen, dann kann man es auch als nicht Schweizer sehr gut lernen.“ Er freut sich, dass der Büchel weiter Verbreitung findet, und ist sehr stolz darauf, dass seine Söhne dazu beitragen – und auch Ramon Imlig freut sich schon sehr auf das Alphorn-Festival im Juli.

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